Inhaltsverzeichnis
- Was sind Faszien?
- Wie arbeiten Faszien im Körper?
- Warum sind Faszien für die Osteopathie wichtig?
- Was passiert bei eingeschränkter Faszienbeweglichkeit?
Was sind Faszien?
Faszien durchziehen als Bindegewebshüllen unseren gesamten Körper. Der lateinische Ursprung des Wortes „Fascia“ bedeutet „Verbund“ und beschreibt präzise ihre verbindende Funktion. Stellen Sie sich diese Strukturen wie umhüllende Tüten vor, etwa wie Gefrierbeutel, die jedes Organ und jeden Muskel umgeben. Diese kleineren Tüten sind in größeren Tüten organisiert, wie zum Beispiel das Bauchfell, das alle Bauchorgane umschließt.
Was auf den ersten Blick nach passiven Hüllen aussieht, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als dynamisches Gewebe. Faszien passen sich ständig an Bewegungen an, dehnen sich und ziehen sich zusammen. Sie sind weder starr noch unveränderlich, sondern reagieren auf mechanische Reize, auf Druck und auf Zug. Dieses Gewebe besitzt eigene Nervenendigungen und kann Informationen weiterleiten. Manche Forscher bezeichnen Faszien mittlerweile als eigenständiges Sinnesorgan, das dem Gehirn kontinuierlich Rückmeldung über die Position und den Zustand des Körpers gibt.
Wie arbeiten Faszien im Körper?
Faszien sind die einzigen Strukturen im Körper, die Muskeln, Organe und Knochen umfassend miteinander verbinden. Diese Vernetzung ermöglicht koordinierte Bewegungsabläufe, bei denen verschiedene Körperregionen mühelos zusammenarbeiten. Wenn Sie beispielsweise einen Ball werfen, aktivieren Sie nicht nur Ihren Arm. Die Kraft entsteht in den Beinen, wandert über den Rumpf zur Schulter und von dort in den Arm. Faszien übertragen diese Kraft entlang ihrer Bahnen und ermöglichen die fließende Bewegungskette.
Für diese Kraftübertragung benötigen Faszien ausreichende Beweglichkeit. Stellen Sie sich einen Gartenschlauch vor, durch den Wasser fließt. Wenn der Schlauch an einer Stelle geknickt ist, stockt der Fluss. Ähnlich verhält es sich mit faszialen Einschränkungen. Sie unterbrechen die Kraftübertragung und zwingen den Körper zu Kompensationen. Andere Bereiche müssen mehr arbeiten, um die eingeschränkte Zone auszugleichen.
Das Fasziengewebe reagiert auf seine Nutzung. Regelmäßige, vielfältige Bewegung hält es elastisch und hydratisiert. Bei einseitigen Belastungen oder langem Stillstand verändert sich die Struktur. Das Gewebe wird dichter, weniger gleitfähig. Diese Veränderungen geschehen schleichend und bleiben oft lange unbemerkt, bis Beschwerden auftreten. Diese Veränderungen geschehen schleichend und bleiben oft lange unbemerkt, bis Beschwerden auftreten. Deshalb spielt Bewegungsvielfalt eine wichtige Rolle für die Fasziengesundheit.
Warum sind Faszien für die Osteopathie wichtig?
In der Osteopathie bilden Faszien die Brücke zwischen verschiedenen Körpersystemen. Sie verbinden den parietalen Bereich des Bewegungsapparats mit dem viszeralen Bereich der Organe sowie dem craniosacralen Bereich von Schädel und Kreuzbein. Durch diese Verknüpfungen entstehen Wechselwirkungen, die weit über lokale Zusammenhänge hinausgehen.
Ein konkretes Beispiel aus meiner Praxis verdeutlicht diese Vernetzung. Eine Patientin kommt mit chronischen Nackenverspannungen. Die lokale Behandlung der Nackenmuskulatur bringt nur kurzfristige Erleichterung. Bei der umfassenderen Untersuchung ertaste ich eine Spannung im Bereich der Leber. Die Faszien, die die Leber mit dem Zwerchfell verbinden, zeigen eine Einschränkung. Diese Spannung überträgt sich über weitere fasziale Verbindungen bis zum Nacken. Nach der Behandlung der Leber löst sich die Nackenverspannung nachhaltig.
Solche Zusammenhänge erscheinen zunächst überraschend. Wie kann die Leber den Nacken beeinflussen? Die Antwort liegt im faszialen Netzwerk. Jede Struktur im Körper existiert nicht isoliert, sondern steht über Faszien in Verbindung mit anderen Bereichen. Diese Verbindungen folgen anatomischen Bahnen, die sich durch den gesamten Körper ziehen. In der Osteopathie arbeite ich mit diesem Wissen. Ich betrachte nicht nur das symptomatische Gebiet, sondern untersuche die faszialen Spannungsmuster im gesamten System.
Was passiert bei eingeschränkter Faszienbeweglichkeit?
Ein anschauliches Beispiel verdeutlicht die Auswirkungen. Stellen Sie sich ein eng anliegendes Hemd vor. Wenn Sie auf der rechten Seite etwas Stoff zusammenraffen und festnähen, entsteht eine fixierte Stelle, ähnlich wie bei einer Narbe. Diese Einschränkung erschwert es, den rechten Arm vollständig anzuheben. Das Symptom zeigt sich am Arm, die Ursache liegt jedoch im Bereich des Rumpfes.
Nach operativen Eingriffen bildet sich häufig Narbengewebe. Während die sichtbare Narbe an der Hautoberfläche verheilt, können sich im Inneren fasziale Verklebungen entwickeln. Diese Verklebungen wirken wie Fixpunkte im Gewebe. Sie schränken die Gleitfähigkeit der umliegenden Strukturen ein und können Spannungsmuster erzeugen, die sich im Körper fortsetzen.
Eine Patientin berichtet von Schulterschmerzen, die sechs Monate nach einer Bauchoperation aufgetreten sind. Der zeitliche Zusammenhang war ihr nicht bewusst. Bei der Untersuchung zeigt sich eine fasziale Einschränkung im Bereich der Operationsnarbe. Diese Spannung überträgt sich über die Faszien nach oben und beeinflusst die Beweglichkeit der Schulter. Nach mehreren Behandlungen, bei denen ich mit dem Narbengewebe und den faszialen Verbindungen arbeite, verbessert sich die Schulterbeweglichkeit deutlich.
Nicht nur Narben schränken die Faszienbeweglichkeit ein. Auch chronische Fehlhaltungen prägen sich ins Gewebe ein. Wenn jemand jahrelang vorgebeugt am Schreibtisch sitzt, passen sich die Faszien dieser Position an. Sie verkürzen sich im vorderen Körperbereich und verlängern sich im hinteren. Diese Anpassung geschieht als Reaktion auf die dauerhaften mechanischen Reize. Der Körper richtet sich nach der häufigsten Position aus. Eine aufrechte Haltung wird dann anstrengend, weil sie gegen die faszialen Spannungsmuster arbeitet.
Faszien: Wenn der Körper seine Geschichte erzählt
Als Michele Garcia-Greno begegne ich täglich der Fähigkeit der Faszien, Informationen zu speichern. Manche Bereiche fühlen sich weich und nachgiebig an, andere zeigen Widerstand oder Härte. Diese Unterschiede erzählen von der individuellen Geschichte eines Menschen.
Ein junger Mann kommt mit wiederkehrenden Leistenschmerzen. In seiner Vorgeschichte finde ich eine Blinddarmoperation aus der Kindheit. Die sichtbare Narbe ist verblasst, aber das Gewebe erinnert sich. Die Faszien im Unterbauch zeigen eine Verdichtung, die sich bis zur Leiste fortsetzt. Nach der Behandlung berichtet der Patient von einer veränderten Bewegungsqualität.
Eine andere Patientin leidet unter Kopfschmerzen nach längeren Autofahrten. Die Untersuchung führt mich zu einer Spannung im Becken. Die Sitzposition verstärkt eine fasziale Einschränkung, die sich über die Wirbelsäule fortsetzt. Ich arbeite mit dem Becken, obwohl die Beschwerden im Kopf lokalisiert sind. Solche Zusammenhänge machen die fasziale Arbeit so spannend.
Meine Hände folgen den Spannungslinien durch verschiedene Gewebsschichten. Jeder Körper entwickelt seine eigenen Kompensationsmuster. Die osteopathische Arbeit zielt darauf ab, eingeschränkte Beweglichkeit zu adressieren und die Selbstregulationskräfte des Körpers anzuregen. Ich gebe durch sanfte Techniken Impulse und schaffe Raum für Veränderung.
Die Arbeit mit Faszien erfordert Geduld und individuelle Betrachtung. Jeder Körper hat seine eigene Geschichte und sein eigenes Tempo.
Quellen:
Strunk, A. (2018). Fasziale Osteopathie: Grundlagen und Techniken. Haug.
Schleip, R., Findley, T. W., Chaitow, L., & Huijing, P. A. (2020). Lehrbuch Faszien: Grundlagen, Forschung, Behandlung. Urban & Fischer / Elsevier.


