Inhaltsverzeichnis
- Andrew Taylor Still und die Geburt der Osteopathie
- John Martin Littlejohn bringt die Osteopathie nach Europa
- William Garner Sutherland und die craniosacrale Dimension
- Drei Männer, eine Vision
Andrew Taylor Still und die Geburt der Osteopathie
Die Geschichte der Osteopathie beginnt mit einem Drama. Andrew Taylor Still, 1828 als Sohn eines methodistischen Predigers in Virginia geboren, lernte Medizin nach damaligem Brauch durch Bücher und eine Ausbildung bei seinem Vater. Die Natur faszinierte ihn, besonders die funktionelle Anatomie.
1864 kam die Katastrophe. Drei seiner Kinder und ein adoptiertes Kind erkrankten an Meningitis. Trotz führender Ärzte verstarben alle drei leiblichen Kinder. Kurz darauf verlor er ein weiteres Kind an Pneumonie. Still stand hilflos am Krankenbett seiner eigenen Kinder. Die heroische Medizin seiner Zeit arbeitete mit Aderlass, Blasenziehen, Arsen und Quecksilber. Praktiken, die oft mehr schadeten als halfen.
Aus dieser Enttäuschung entstand ein neuer Weg. Still forschte intensiv, interessierte sich für Philosophie, Elektrizitätslehre, Mechanik. 1874 entstand die Osteopathie. Seine zentrale Erkenntnis: Struktur und Funktion sind untrennbar verbunden. Der Körper als Einheit aus Körper, Seele und Geist besitzt Selbstregulationskräfte, wenn Blut, Lymphe und Nerven ungehindert fließen können.
Stills Sicht auf den Osteopathen war radikal. Nicht als jemand, der behandelt, sondern als Mechaniker, der Bedingungen schafft. Der Körper selbst reguliert sich, wenn die Hindernisse beseitigt sind. 1892 gründete Still in Kirksville, Missouri, die erste osteopathische Schule und legte damit den Grundstein für eine neue medizinische Disziplin.
John Martin Littlejohn bringt die Osteopathie nach Europa
John Martin Littlejohn, 1866 in Glasgow geboren, war hochintelligent aber körperlich anfällig. Er studierte Theologie, Jura und Medizin, doch das schottische Klima verschlechterte seine Gesundheit. Schwere Halsblutungen zwangen ihn 1892 zur Auswanderung nach Amerika.
Seine Beschwerden blieben, bis er von Andrew Taylor Still hörte. In Kirksville erfuhr er Linderung und beschloss, Osteopathie zu studieren. Still erkannte sein Potenzial und stellte ihn als Lehrer ein. Littlejohn gab der Osteopathie eine wissenschaftlich strukturierte Form, führte empirische Studien ein.
Doch es entstand ein Konflikt. Still sah die Anatomie als Schlüssel, Littlejohn die Physiologie. Während Still die Strukturen untersuchte, interessierten Littlejohn die unsichtbaren Prozesse, die ihnen Leben einhauchen. Nach nur fünf Monaten als Dekan musste er gehen.
1900 gründete Littlejohn mit seinen Brüdern in Chicago das American College of Osteopathic Medicine and Surgery. Die Schule wurde zu einer bedeutenden Quelle osteopathischer Forschung. 1913 kehrte er nach Europa zurück und gründete 1917 in London die British School of Osteopathy. Damit schuf er das osteopathische Fundament Europas.
Littlejohn verstarb 1947. Während Still Körper und Seele der Osteopathie verkörperte, war Littlejohn ihr Verstand. Er schuf die Basis für die europäische Osteopathie, wie wir sie heute kennen.
William Garner Sutherland und die craniosacrale Dimension
William Garner Sutherland wurde 1873 in Wisconsin geboren. Sein Leitmotiv: „Dig on“ – Grabe weiter. Diese Haltung des unermüdlichen Forschens prägte sein Leben.
1898 begann er sein Studium in Kirksville, graduierte 1900. Während dieser Zeit betrachtete er die Knochen eines zerlegten Schädels und bemerkte die besondere Form der Verbindungen. Sie erinnerten ihn an Kiemen, an etwas, das für Bewegung konzipiert war. Bis dahin galt: Schädelknochen sind beim Erwachsenen fest verwachsen.
Sutherland stellte diese Lehrmeinung infrage. Jahrzehntelang erforschte er die feinen Bewegungen des Schädels, führte sogar Selbstversuche durch, bei denen er Teile seines Kopfes fixierte. Diese belastenden Experimente lieferten ihm wertvolle Erkenntnisse.
In den 1940er Jahren führte er den Begriff „Primary Respiratory Mechanism“ ein. Er beschrieb rhythmische Bewegungen im Schädel und im gesamten Körper. Seinen „Breath of Life“, den Lebensatem, verband er mit einem tieferen rhythmischen Lebensprozess, der alle Gewebe durchzieht.
Sutherland betonte stets: Die craniosacrale Arbeit ist kein eigenständiges Konzept, sondern integraler Bestandteil der Osteopathie. Er gründete die Sutherland Cranial Teaching Foundation und starb 1954. Sein Vermächtnis ist heute fester Bestandteil der osteopathischen Praxis weltweit.
Drei Männer, eine Vision
Still, der aus persönlichem Leid die philosophischen Grundlagen schuf. Littlejohn, der die wissenschaftliche Struktur gab und die Osteopathie nach Europa brachte. Sutherland, der die feinen rhythmischen Bewegungen entdeckte. Drei Perspektiven: Anatomie, Physiologie, subtile Rhythmen. Die moderne Osteopathie integriert alle drei.
Was sie verband: Die Überzeugung, dass der menschliche Körper über Selbstregulationskräfte verfügt. Dass Struktur und Funktion untrennbar verbunden sind. Dass die Aufgabe des Therapeuten darin besteht, Bedingungen zu schaffen, unter denen der Körper sein Potenzial entfalten kann.
Als Michele Garcia-Greno arbeite ich täglich mit diesem Erbe. Die parietale Arbeit mit den Strukturen des Bewegungsapparats, die viszerale Arbeit mit den inneren Organen, die craniosacrale Arbeit mit den feinen Rhythmen – all das wurzelt in der Vision dieser drei Pioniere. Ihre Geschichten erinnern mich daran, dass Osteopathie mehr ist als eine Technik. Sie ist eine Haltung gegenüber dem Leben, dem Körper und der Gesundheit.
Quellen:
Gevitz, N. (2019). The DOs: Osteopathic Medicine in America (3. Auflage). Johns Hopkins University Press.
Trowbridge, C. (2008). Andrew Taylor Still, 1828-1917: Eine Biografie des Entdeckers der Osteopathie (4. Auflage). Jolandos.
Magoun, H. I. (1951). Osteopathy in the cranial field. The Journal Printing Company.
O’Brien, J. (2015). John Martin Littlejohn: An enigma of osteopathy. Handspring Publishing.
Sutherland, A. S. (1962). With thinking fingers: The story of William Garner Sutherland, D.O. The Cranial Academy.


