Osteopathie und Chiropraktik im Vergleich

Inhaltsverzeichnis

  1. Was unterscheidet Osteopathie von Chiropraktik?
  2. Wie arbeiten beide Therapieformen?
  3. Wann ist welcher Ansatz sinnvoll?
  4. Warum kehren Blockaden zurück?

Was unterscheidet Osteopathie von Chiropraktik?

„Es hält nicht mehr so lange wie früher.“ Dieser Satz fällt häufig, wenn Menschen von jahrelangen chiropraktischen Behandlungen berichten. Die Abstände zwischen den Beschwerden werden kürzer, die Wirkung flüchtiger. Was geschieht im Körper? Die Antwort liegt im unterschiedlichen Verständnis von Osteopathie und Chiropraktik.

Beide sind manuelle Therapieformen, die mit den Händen arbeiten. Dennoch verfolgen sie unterschiedliche Philosophien und Herangehensweisen. Die Chiropraktik konzentriert sich primär auf den Stütz- und Bewegungsapparat, insbesondere die Wirbelsäule. Ihr Fokus liegt auf Blockaden oder Fehlstellungen in den Gelenken, die das Nervensystem beeinträchtigen können. Die chiropraktische Behandlung zielt darauf ab, diese spezifischen Blockaden zu lösen.

Die Osteopathie versteht sich als umfassendere Therapieform, die den gesamten Körper betrachtet. Sie untersucht nicht nur Gelenke und Wirbelsäule, sondern bezieht Organe, Faszien und andere Gewebe in die Diagnostik und Behandlung ein. Der osteopathische Ansatz sieht den Menschen als Einheit, in der alle Systeme miteinander verbunden sind. Statt einzelne Blockaden zu behandeln, sucht die Osteopathie nach den zugrundeliegenden Ursachen und berücksichtigt dabei das Zusammenspiel verschiedener Körpersysteme.

Diese unterschiedlichen Philosophien spiegeln sich auch im praktischen Vorgehen wider. Die Chiropraktik arbeitet symptomorientiert an der blockierten Stelle. Die Osteopathie verfolgt einen systemorientierten Ansatz, bei dem die symptomatische Region oft nicht der Ausgangspunkt der Behandlung ist.

Wie arbeiten beide Therapieformen?

Die chiropraktische Behandlung nutzt hauptsächlich Manipulationstechniken. Diese werden auch als Adjustments bezeichnet und sind durch kurze, schnelle Impulse charakterisiert. Oft ist dabei ein hörbares Knacken wahrnehmbar, das durch Gasaustritt aus dem Gelenkspalt entsteht. Diese Technik zielt darauf ab, die Beweglichkeit des Gelenks unmittelbar wiederherzustellen.

Die Osteopathie arbeitet mit einem breiteren Spektrum an Techniken. Neben Manipulationen kommen auch sanfte mobilisierende Techniken, fasziale Behandlungen und viszerale Ansätze zum Einsatz. Die Wahl der Technik richtet sich nach dem individuellen Befund und der Gewebsqualität. Manchmal sind schnelle Impulse angebracht, manchmal braucht es langsame, geduldige Arbeit mit dem Gewebe. Die osteopathische Untersuchung bezieht verschiedene Körperregionen ein, auch solche, die auf den ersten Blick nicht mit dem Symptom zusammenhängen.

Ein weiterer Unterschied liegt in der Betrachtung von Kontraindikationen. Bei strukturellen Veränderungen wie Entzündungen, Degenerationen, Bandscheibenvorfällen oder Arthrose ist chiropraktische Manipulation nicht geeignet und sollte zum Schutz des Gewebes vermieden werden. Die Osteopathie verfügt über alternative Techniken, die auch bei strukturellen Einschränkungen anwendbar sein können, wobei natürlich auch hier Grenzen bestehen.

Wann ist welcher Ansatz sinnvoll?

Die Chiropraktik eignet sich besonders für funktionelle Blockaden im Bewegungsapparat ohne strukturelle Schäden. Die schnelle Wirkung der Manipulation wird von vielen Menschen als unmittelbar erleichternd empfunden.

Die Osteopathie bietet sich an bei komplexen Beschwerden, wiederkehrenden Problemen oder wenn bisherige Behandlungen nur kurzfristige Besserung gebracht haben. Sie berücksichtigt Faktoren wie Narbengewebe nach Operationen, viszerale Einschränkungen oder fasziale Spannungsmuster. Beide Ansätze können ihre Berechtigung haben, abhängig vom individuellen Fall.

Warum kehren Blockaden zurück?

In meiner Praxis begegne ich häufig Menschen, die bereits Erfahrungen mit verschiedenen Therapieformen gemacht haben. Ein Muster, das ich dabei beobachte, betrifft wiederkehrende Blockaden. Manche Patienten berichten, dass sie über längere Zeit regelmäßig manipuliert wurden. Anfangs half die Behandlung gut, die Beweglichkeit kehrte zurück, das Wohlbefinden stellte sich ein. Doch mit der Zeit veränderte sich etwas.

Die Abstände, in denen die Beschwerden wiederkehrten, wurden kürzer. Was zunächst mehrere Wochen anhielt, hielt später nur noch Tage. Die Aussage, die ich dann oft höre, lautet ähnlich: „Es hilft irgendwie nicht mehr so wie früher“ oder „Es hält nicht lange“. Diese Beobachtung wirft Fragen auf. Was geschieht im Körper, wenn eine Blockade immer wieder auf die gleiche Weise behandelt wird? Warum wird die Wirkung kürzer?

Aus osteopathischer Sicht könnte eine Erklärung darin liegen, dass die Blockade selbst möglicherweise ein Symptom darstellt und nicht die Ursache. Wenn der Körper immer wieder dieselbe Stelle blockiert, versucht er vielleicht, eine andere Einschränkung zu kompensieren. Die wiederholte Manipulation behebt die lokale Bewegungseinschränkung, verändert aber nicht das zugrundeliegende Muster. Der Körper kehrt zur Kompensation zurück, weil die eigentliche Ursache unverändert bleibt.

Die osteopathische Arbeit sucht nach diesem Muster. Wo liegt die primäre Einschränkung? Welche Struktur zwingt den Körper zur Kompensation? Manchmal findet sich eine fasziale Spannung im Becken, die die Wirbelsäule belastet. Manchmal zeigt sich eine viszerale Einschränkung, die über Aufhängungen und Verbindungen Zug auf bestimmte Wirbelsegmente ausübt. Manchmal liegt eine alte Verletzung vor, die nie vollständig ausgeheilt ist und nun andere Bereiche beeinflusst.

Die Behandlung dieser zugrundeliegenden Einschränkungen kann Zeit benötigen. Anders als die unmittelbare Erleichterung nach einer Manipulation kann sich eine Veränderung manchmal erst nach mehreren Sitzungen zeigen. Der Körper braucht Zeit, neue Bewegungsmuster zu integrieren und alte Kompensationen aufzugeben. Diese Arbeit ist kein schneller Weg und zielt darauf ab, zugrundeliegende Muster zu adressieren.

Beide Ansätze haben ihre Berechtigung. Die osteopathische Herangehensweise kann eine Option sein, wenn wiederkehrende Probleme auftreten. Ob dieser Ansatz zu anderen Ergebnissen führt, ist individuell verschieden und hängt von vielen Faktoren ab.


Osteopathie: Wenn die Frage nach dem Warum beginnt

Als Michele Garcia-Greno stelle ich mir bei jeder Behandlung die Frage nach dem Warum. Nicht nur was ist blockiert, sondern warum blockiert der Körper genau hier? Diese Frage führt mich oft zu überraschenden Zusammenhängen.

Ein Mann mittleren Alters kommt mit wiederkehrenden Blockaden im unteren Rücken. Er erzählt, dass er jahrelang alle paar Wochen zur chiropraktischen Behandlung ging. Anfangs half es gut, doch die Abstände wurden kürzer. Nun kehren die Beschwerden bereits nach wenigen Tagen zurück. Bei der osteopathischen Untersuchung zeigt sich nicht nur die bekannte Bewegungseinschränkung der Lendenwirbelsäule. Ich finde auch eine deutliche Spannung im Bereich des Darms. Die Faszien, die den Darm mit der hinteren Bauchwand verbinden, zeigen eine Einschränkung.

Die Vorgeschichte ergibt, dass der Patient vor Jahren eine Darmentzündung hatte. Das akute Problem ist längst abgeheilt, doch das Gewebe hat die Entzündung nicht vergessen. Die faszialen Strukturen haben sich verändert, Spannungen gespeichert. Diese viszerale Einschränkung zieht permanent an der Lendenwirbelsäule. Der Körper kompensiert, indem er bestimmte Segmente blockiert. Eine rein manipulative Behandlung der Blockade behebt die Wirkung, nicht die Ursache. Die Spannung aus dem Bauchraum bleibt, die Blockade kehrt zurück.

Ich arbeite mit dem Darm, mit den faszialen Verbindungen, mit der Lendenwirbelsäule. Die Behandlung erstreckt sich über mehrere Sitzungen. Der Patient berichtet nach einigen Wochen, dass die Abstände zwischen den Beschwerden sich verändern. Dies ist eine Beobachtung, keine Garantie. Jeder Körper antwortet anders.

Eine andere Patientin kommt mit Nackenbeschwerden. Auch sie wurde über längere Zeit regelmäßig an der Halswirbelsäule manipuliert. Die Untersuchung zeigt eine Einschränkung des Kiefergelenks. Sie knirscht nachts mit den Zähnen, eine Stressreaktion. Die Spannung der Kaumuskulatur überträgt sich auf die Halsmuskulatur und die obere Brustwirbelsäule. Die Manipulation der blockierten Wirbel bringt kurzfristige Entlastung, verändert aber nicht die zugrundeliegende Spannung aus dem Kieferbereich.

Diese Fälle verdeutlichen den Unterschied in der Herangehensweise. Nicht die Frage, was blockiert ist, steht im Vordergrund, sondern warum der Körper blockiert. Die Antwort auf diese Frage führt oft zu Strukturen, die auf den ersten Blick nicht mit dem Symptom zusammenhängen. Die osteopathische Arbeit versucht, diese Zusammenhänge zu verstehen und zu behandeln.

Quellen: Simon, H. (2019). Lehrbuch Chiropraktik (2. Aufl.). Thieme.

Langer, W., & Hebgen, E. (2013). Lehrbuch Osteopathie. Haug.

Lomba, J. A., & Peper, C. (2013). Handbuch der Chiropraktik und strukturellen Osteopathie (4. Auflage). Haug.

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