Osteopathie und Endometriose: Wenn der Körper eigene Wege geht

Inhaltsverzeichnis

  1. Was geschieht bei Endometriose im Körper?
  2. Welche Beschwerden prägen den Alltag?
  3. Warum spielt das hormonelle Gleichgewicht eine Rolle?
  4. Wie arbeitet die Osteopathie bei Endometriose?

Was geschieht bei Endometriose im Körper?

Manchmal schreibt der Körper seine eigene Geschichte, ohne uns um Erlaubnis zu fragen. Endometriumzellen gleichen Nomaden, die ihr angestammtes Territorium verlassen und sich an Orten niederlassen, wo sie nicht hingehören. Diese wandernden Zellverbände können sich in den Eileitern, an den Eierstöcken, auf dem Bauchfell, am Darm oder an der Harnblase ansiedeln. In seltenen Fällen erreichen sie sogar die Lunge, die Leber oder das Gehirn.

Was diese Zellen so tückisch macht, ist ihre Erinnerung an ihren Ursprung. Sie bleiben mit Blutgefäßen und Nerven verbunden und reagieren auf hormonelle Signale wie ihre Verwandten in der Gebärmutterschleimhaut. Besonders Östrogen dirigiert ihr Verhalten. Die Erkrankung verläuft gutartig, jedoch chronisch, begleitet von entzündlichen Prozessen.

Die Diagnostik erfolgt über Ultraschall, MRT oder diagnostische Laparoskopie mit Gewebeentnahme. Das ENZIAN-Klassifizierungssystem ordnet Lage und Ausdehnung der Herde ein.

Die Ursachen bleiben rätselhaft. Die Theorie der retrograden Menstruation beschreibt einen umgekehrten Fluss: Menstruationsblut wandert durch die Eileiter in den Bauchraum und trägt dabei Endometriumzellen mit sich. Diese Erklärung versagt jedoch bei Herden außerhalb der Bauchhöhle. Die Wissenschaft gewinnt an Tempo. Seit September 2024 laufen in Deutschland fünf vom Bundesministerium geförderte Forschungsverbünde zur Endometriose, die Schmerzmechanismen, Fruchtbarkeit, Immunsystem und Darmflora untersuchen. Ein KI-unterstütztes 3D-Modell der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg verspricht verbesserte Diagnostik und künftig möglicherweise weniger operative Eingriffe zur Diagnosesicherung.

Welche Beschwerden prägen den Alltag?

Etwa 10 bis 15 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter in Deutschland leben mit Endometriose, das entspricht etwa 2 bis 4 Millionen Betroffenen. Pro Jahr kommen rund 40.000 Neuerkrankungen hinzu.

Der Schmerz ist der unerbittlichste Begleiter. Er beginnt häufig vor der Menstruation, steigert sich während der Blutung und strahlt aus wie Wellen durch den Körper. Mit der Zeit gewinnt er oft an Intensität. Die Regelblutung verläuft meist übermäßig stark und raubt Energie.

Die Schmerzen beschränken sich nicht auf die Menstruationsphase. Sie siedeln sich im Becken an, wandern in die Leisten, erfassen die Lendenwirbelsäule, erreichen die Analregion. Geschlechtsverkehr wird zur schmerzhaften Erfahrung, selbst Wasserlassen oder Stuhlgang können Beschwerden auslösen.

Erschöpfung legt sich wie ein Schleier über den Alltag, reicht tiefer als normale Abgeschlagenheit und kann sich bis zum Fatigue-Syndrom steigern. Das Immunsystem zeigt sich geschwächt.

Narbengewebe nach Laparoskopien schreibt seine eigene Geschichte. Unter der sichtbaren Hautnarbe können sich fasziale Verwachsungen gebildet haben, die wie unsichtbare Fäden ziehen. Manchmal siedeln sich endometriale Zellen im Narbenbereich neu an.

Die psychische Last ist immens. Chronische Schmerzen, die lange Suche nach Diagnose und die Einschränkungen hinterlassen Spuren. Angst und depressive Verstimmungen sind keine Seltenheit.

Warum spielt das hormonelle Gleichgewicht eine Rolle?

Endometriose gilt als östrogenabhängige Erkrankung. Die versprengten Zellverbände tanzen nach der Melodie des Östrogens. Steigt der Spiegel, wachsen sie. Fällt er, können sie bluten und Entzündungen auslösen.

Die Leber spielt die Rolle des stillen Dirigenten im Hormonorchester. Sie verstoffwechselt verbrauchte Hormone und bereitet sie für die Ausscheidung vor. Ihre Beweglichkeit unter dem Zwerchfell, beeinflusst durch die Atmung, wirkt auf diese Funktion ein.

Das Verhältnis zwischen Östrogen und Progesteron bestimmt die Balance. Progesteron wirkt dem Endometriumwachstum entgegen und kann theoretisch auch das Fortschreiten der Endometriose bremsen. Ein Ungleichgewicht zugunsten von Östrogen fördert entzündliche Prozesse.

Chronischer Stress verschiebt dieses Gefüge zusätzlich. Unter Dauerbelastung wandelt der Körper Progesteron bevorzugt in Kortisol um, die hormonelle Balance gerät weiter ins Wanken.

Wie arbeitet die Osteopathie bei Endometriose?

Die osteopathische Begleitung versteht sich als unterstützende Maßnahme und richtet sich nach der jeweiligen Zyklusphase.

Die Behandlung in entzündungsaktiven Phasen

Vor und während der Menstruation steht die Entstauung im Vordergrund. Das kleine Becken neigt dazu, Flüssigkeit anzusammeln wie ein überflutetes Flussbett. Mit sanften viszeralen Techniken fördere ich den Fluss der Körperflüssigkeiten.

Das vegetative Nervensystem reagiert auf chronische Schmerzen mit ständiger Alarmbereitschaft. Über cranio-sacrale Techniken am Schädel und Kreuzbein sowie über die Arbeit am Zwerchfell kann der Parasympathikus aktiviert werden, jener Teil des Nervensystems, der Regeneration ermöglicht. Atemübungen ergänzen die Arbeit und beruhigen das vegetative System wie eine sanfte Welle.

Die Behandlung in beschwerdeärmeren Phasen

Nach der Menstruation verschiebt sich der Fokus auf Mobilität und Durchblutung der Beckenorgane. Ich ertaste die Beweglichkeit von Gebärmutter, Eierstöcken und Dünndarm mit der Atmung. Diese Organe sind über Bänder und Faszien im Becken aufgehängt wie ein komplexes Netzwerk aus Seilen und Tüchern.

Verklebungen entstehen häufig bei Endometriose oder nach operativen Eingriffen. Diese faszialen Verdichtungen wirken wie Knoten im Gewebe. Mit gezielten Techniken arbeite ich mit diesen Verklebungen und der Gewebsqualität. Narbengewebe verdient besondere Aufmerksamkeit, denn darunter können sich fasziale Verwachsungen gebildet haben, die Spannungen durch den gesamten Bauch- und Beckenraum ziehen.

Die Arbeit mit der Leber

Da Endometriose östrogenabhängig ist, beziehe ich die Leber ein. Sie spielt eine wichtige Rolle im Abbau von Östrogenen. Mit viszeralen Techniken ertaste ich ihre Mobilität mit der Atmung und unterstütze ihre Beweglichkeit durch sanfte Impulse.

Die Berücksichtigung der gesamten Körperstatik

Chronische Beckenschmerzen verändern die Körperhaltung. Schonhaltungen prägen sich ein, die Lendenwirbelsäule reagiert, die Hüftmuskulatur verspannt sich. Die Behandlung arbeitet mit Spannungsmustern in der Wirbelsäule und am Übergang zum Kreuzbein. Die Hüftmuskulatur, besonders der Iliopsoas, steht über fasziale Verbindungen mit den Beckenorganen in Beziehung.


Osteopathie und Endometriose: Wenn Gewebe seine Sprache findet

Als Michele Garcia-Greno begegne ich Frauen, die gelernt haben, mit einem Monster zu leben.

Eine Patientin Anfang dreißig sitzt mir gegenüber. Ihre Worte kommen zögerlich, als müsste sie sich erst überwinden. Seit der ersten Periode mit fünfzehn kennt sie Schmerzen, doch mit den Jahren haben sie sich verwandelt. Was einmal erträglich war, diktiert heute ihr Leben. Die Tage vor ihrer Menstruation sind von Angst geprägt. Sie weiß, was kommt. Ein Ziehen, das sich aufbaut wie ein Gewitter, das sich dann entlädt in Krämpfen, die sie zusammenkrümmen lassen. Ein Monster, das in ihrem Bauch tobt.

Die Schmerzmedikation ist über die Jahre hochgegangen. Was mit Ibuprofen begann, reicht längst nicht mehr. Selbst die Stuhlentleerung während ihrer Periode verursacht Schmerzen, die ihr die Tränen in die Augen treiben. Sie hat aufgehört zu zählen, wie oft sie Termine absagen musste, wie viele Tage sie im Bett verbracht hat, zusammengerollt, wartend.

Wenn ich meine Hände auf ihr Becken lege, spüre ich Gewebe, das von Jahren geprägt ist. Verdichtungen, als hätte sich das Leiden materialisiert. Fasziale Spannungen ziehen durch ihr gesamtes Becken wie gehärtete Knoten. Die Gebärmutter liegt fixiert zwischen Verwachsungen, ihre Verbindungen zum Kreuzbein zeigen deutliche Restriktionen.

Ich arbeite mit ihr über viele Monate. Die Behandlung folgt ihrem Zyklus. In den schmerzhaften Tagen konzentriere ich mich auf Entstauung und die Beruhigung des Nervensystems, das in ständiger Alarmbereitschaft ist. In ruhigeren Phasen arbeite ich mit der Mobilität, den Verklebungen, dem Narbengewebe. Sie kommt regelmäßig, und langsam entwickelt sie ein feineres Gespür für ihren Körper. Die Endometriose bleibt, das Monster schläft nie ganz. Doch über die Zeit beschreibt sie Momente, in denen die Angst weniger Raum einnimmt. Monate, in denen die Schmerzen kommen, aber nicht mehr alles verschlingen.

Eine andere Frau Ende zwanzig kommt auf Empfehlung ihrer Gynäkologin. Die Erschöpfung steht ihr ins Gesicht geschrieben. Sie erzählt von Müdigkeit, die jeden Monat wie eine dunkle Welle über sie hereinbricht und tagelang nicht weicht. Von Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, die ihre Beziehung belasten. Sie hat Angst, dass ihr Partner irgendwann geht.

Bei der Untersuchung zeigt sich eine deutliche Anspannung im Bereich der Nebennieren, das Zwerchfell sitzt fest wie eingefroren. Der Darm reagiert empfindlich auf jede Berührung. Über cranio-sacrale Techniken und die Arbeit mit dem vegetativen Nervensystem versuche ich, Räume zu öffnen. Nach einigen Sitzungen beschreibt sie Momente, in denen sie tiefer atmet, in denen sich etwas in ihrem Brustkorb weitet. Die Erschöpfung bleibt ein Thema, doch sie findet Inseln der Ruhe in ihrem Alltag. Kleine Momente, in denen sie ihren Körper nicht als Feind erlebt.


Endometriose ist eine chronische Erkrankung, die bleibt. Doch chronisch bedeutet nicht, dass alles so bleiben muss, wie es ist. Die Osteopathie arbeitet mit faszialen Spannungen, mit Durchblutung, mit dem vegetativen Nervensystem. Sie setzt dort an, wo mechanische Einschränkungen und hormonelle Prozesse zusammentreffen. Viele Frauen erleben die osteopathische Begleitung als wertvollen Teil ihres Weges mit Endometriose. Die Arbeit braucht Zeit und Kontinuität, doch sie bietet einen Ansatz, der den Körper als Ganzes betrachtet. Wer nach Möglichkeiten sucht, seinen Körper in dieser herausfordernden Phase zu unterstützen, findet in der Osteopathie einen Weg, der es wert ist, ausprobiert zu werden.


Quellen:

Camirand, N. (2019). Osteopathische Behandlung hormoneller und nervlich bedingter Störungen. Urban & Fischer.

Miorin-Bellermann, J. (2022). Hormonelle Dysbalancen: Erkennen – Verstehen – Behandeln. Karl Haug Verlag.

Riedl, K. H., & Schleupen, A. (Hrsg.). (2010). Osteopathie in der Frauenheilkunde. Urban & Fischer.

Bazin, O., & Naudin, M. (2022). Osteopathische Behandlung des weiblichen Beckenbereichs. Urban & Fischer.

Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG). (2025).
Pressemitteilung: Diagnostik und Therapie der Endometriose.
https[://]www[dggg][de]/presse/pressemitteilungen-und-nachrichten/diagnostik-und-therapie-der-endometriose-verstaerkte-wissenschaftl

Endometriose-Doc. (2025).
Endometriose-Forschung: 5 aktuelle Projekte im Überblick.
https[://]www[endometriose-doc][de]/fortschritt/endometriose-forschung-5-aktuelle-projekte-im-überblick-1422637[html]

Endometriose Vereinigung Deutschland e. V. (2025).
Endometriose-Forschung.
https[://]www[endometriose-vereinigung][de]/endometriose-forschung

Friedrich-Alexander-Universität Erlangen–Nürnberg. (2025).
KI-trainierter Ultraschall gegen Endometriose.
https[://]www[fau][de]/2025/07/news/ki-trainierter-ultraschall-gegen-endometriose

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