Osteopathie als ganzheitliche Therapie

Inhaltsverzeichnis

  1. Was macht Osteopathie zu einer ganzheitlichen Therapie?
  2. Welche Bereiche umfasst die osteopathische Behandlung?
  3. Was verbindet die verschiedenen Körpersysteme?
  4. Wie unterstützt Osteopathie die körpereigene Regulation?

Was macht Osteopathie zu einer ganzheitlichen Therapie?

Die Osteopathie betrachtet den Menschen als komplexes System, in dem alle Teile miteinander verbunden sind. Diagnostik und Behandlung erfolgen manuell, mit den Händen. Dieser Ansatz unterscheidet sich von Methoden, die einzelne Symptome isoliert behandeln. In der Osteopathie wird nicht zwischen verschiedenen Kategorien unterschieden, sondern der gesamte Mensch in seiner Lebenssituation wahrgenommen.

Ganzheitlich bedeutet die Anerkennung, dass Muskulatur, Knochen, Organe, Gefäße und Nervensystem permanent miteinander kommunizieren. Eine Veränderung in einem Bereich kann andere Bereiche beeinflussen. Wenn beispielsweise eine Struktur wie ein Gelenk in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt ist, passt sich der Körper an. Diese Anpassung geschieht oft über Jahre hinweg und wird erst bemerkt, wenn Beschwerden auftreten.

Die osteopathische Behandlung kann die klassische Schulmedizin ergänzen, interdisziplinär mit anderen Therapieformen wirken oder eigenständig eingesetzt werden. Sie berücksichtigt dabei den individuellen Menschen mit seiner Geschichte, Lebensweise und seinem Umfeld.

Welche Bereiche umfasst die osteopathische Behandlung?

Die Osteopathie gliedert sich in drei Teilgebiete, die jedoch nie getrennt voneinander betrachtet werden. Jedes Teilgebiet hat seinen Fokus, während die Behandlung stets das gesamte System einbezieht.

Die parietale Osteopathie arbeitet mit dem Bewegungsapparat. Gelenke, Wirbelsäule, Muskeln, Sehnen, Bänder und Faszien bilden das Fundament für Haltung und Bewegung. Das Nervensystem koordiniert diese Abläufe und ist selbst von Faszien umgeben.

Die viszerale Osteopathie richtet sich auf die inneren Organe. Jedes Organ besitzt eigene Bewegungen und einen eigenen Rhythmus. Das Herz schlägt, die Lunge dehnt sich aus, der Darm vollzieht peristaltische Wellen. Durch sanftes Palpieren werden diese Bewegungen ertastet und gegebenenfalls behandelt.

Die craniosacrale Osteopathie behandelt Schädel, Kreuzbein und die dazugehörigen Strukturen mit behutsamen Techniken. Der craniosacrale Rhythmus dient als Orientierung. Die Behandlung zielt darauf ab, dass sich das Flüssigkeitssystem vom Kreuzbein bis zum Schädel frei bewegen kann.

Was verbindet die verschiedenen Körpersysteme?

Drei grundlegende Systeme durchziehen den gesamten Körper und schaffen Verbindungen zwischen allen Bereichen.

Das Gefäßsystem gewährleistet die Zirkulation. Arterien transportieren nährstoffreiches Blut zu den Zellen, Venen führen Abfallprodukte ab. Jedes Organ, jedes Gewebe, jede Zelle ist auf diese Versorgung angewiesen. Wenn die Durchblutung frei fließen kann, werden alle Strukturen optimal versorgt. Einschränkungen in der Gewebsbeweglichkeit können den Blutfluss beeinflussen und damit weitreichende Auswirkungen haben.

Das Nervensystem bildet das Kommunikationsnetzwerk des Körpers. Nerven durchziehen sämtliche Strukturen und verbinden Gehirn, Rückenmark und Peripherie miteinander. Über das Nervensystem nimmt der Körper seine Umwelt wahr, verarbeitet Sinnesreize und steuert Funktionen. Temperatur, Berührung, Bewegung werden registriert und beantwortet. Diese permanente Kommunikation macht deutlich, warum neben der manuellen Behandlung auch die Lebensweise und das Umfeld des Menschen Beachtung finden.

Faszien, die Bindegewebshüllen, umgeben und verbinden alle Strukturen im Körper. Sie spielen eine tragende Rolle für Stabilität, Flexibilität und Funktionalität. Faszien können Spannungen speichern und weitergeben, sie beeinflussen Beweglichkeit und Wohlbefinden. Über das fasziale Gewebe sind Knochen mit Muskeln verbunden, Organe mit der Wirbelsäule, der Schädel mit dem Kreuzbein. Dieses durchgängige Netzwerk ermöglicht es, dass Veränderungen an einer Stelle Auswirkungen auf entfernte Bereiche haben können.

Wie unterstützt Osteopathie die körpereigene Regulation?

Bewegung bildet die Grundlage für ein gesundes Leben. Der Satz von Aristoteles, dass alles Leben Bewegung ist, verdeutlicht die zentrale Bedeutung freier Beweglichkeit. Wenn Gewebe in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, können Funktionsstörungen entstehen. Die osteopathische Behandlung zielt darauf ab, diese Einschränkungen zu adressieren.

Der Körper besitzt die Fähigkeit zur Selbstregulation. Wenn er sich in einem Zustand des Gleichgewichts befindet, können körpereigene Regulationsprozesse optimal ablaufen. Osteopathische Techniken wirken darauf hin, Blockaden und Spannungen zu lösen, die Mobilität der Gewebe zu verbessern und die Durchblutung sowie den Lymphfluss zu fördern. Die manuelle Arbeit gibt dem Körper Impulse, seine eigenen Regulationskräfte zu aktivieren.

Die Behandlung beschränkt sich nicht auf das symptomatische Gebiet. Stattdessen werden verschiedene Körperregionen untersucht, um Zusammenhänge zu erkennen. Manchmal liegt die Ursache einer Beschwerde weit entfernt vom Ort des Symptoms. Eine eingeschränkte Beweglichkeit im Becken kann sich auf die Schulter auswirken, eine Spannung im Bauchraum auf den Nacken. Die osteopathische Untersuchung spürt diesen Verbindungen nach und berücksichtigt dabei die individuellen Gegebenheiten jedes Körpers.

Die Osteopathie versteht sich als Teil eines umfassenden Ansatzes zur Gesundheitsförderung. Sie arbeitet mit den vorhandenen Ressourcen des Körpers und unterstützt dessen Bestreben nach Balance. Die Ergebnisse können von Mensch zu Mensch unterschiedlich ausfallen, da jeder Organismus seine eigene Geschichte, seine eigenen Kompensationsmuster und sein eigenes Tempo hat.


Osteopathie: Wenn Hände zuhören

Als Michele Garcia-Greno erlebe ich täglich, wie beredt der Körper ist. Meine Hände dienen als Werkzeuge des Zuhörens. Sie ertasten Spannungen, Bewegungseinschränkungen und Gewebsqualitäten. Diese Informationen entstehen durch jahrelange Übung und aufmerksame Wahrnehmung.

Ein Mann kommt mit Rückenschmerzen. Die Untersuchung führt mich zu seinem Fuß, wo ich eine alte Sprunggelenksverletzung finde. Der Körper hat über Jahrzehnte kompensiert, die Last anders verteilt. Diese Kompensationskette reicht bis zur Lendenwirbelsäule. Ich arbeite am Fuß, an der Hüfte, am Becken. Der Patient berichtet später von einer veränderten Wahrnehmung beim Gehen.

Eine Frau leidet unter wiederkehrenden Verdauungsbeschwerden. Untersuchungen haben keine organischen Befunde ergeben. Bei der osteopathischen Untersuchung zeigt sich eine Spannung im Zwerchfellbereich. Das Zwerchfell trennt Brust- und Bauchraum, seine Bewegung beeinflusst die Organe unterhalb. Ich arbeite mit dem Zwerchfell, den Rippen, der Brustwirbelsäule. Die Patientin bemerkt nach einigen Behandlungen eine Veränderung.

Der Körper erzählt seine Geschichte über Spannungsmuster und Bewegungseinschränkungen. Meine Aufgabe besteht darin, diese Geschichte zu lesen und dem Körper Impulse zu geben. Die osteopathische Behandlung respektiert die Autonomie des Organismus. Ich schaffe Raum, der Körper findet seinen Weg.


Quellen: Langer, W., & Hebgen, E. (2013). Lehrbuch Osteopathie. Haug.

Strunk, A. (2018). Fasziale Osteopathie: Grundlagen und Techniken. Haug.

Liem, T. (2013). Kraniosacrale Osteopathie: Ein praktisches Lehrbuch (6. Auflage). Haug.

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