Osteopathie und PCO-Syndrom: Wenn Hormone ihre eigene Choreografie tanzen

Inhaltsverzeichnis

  1. Was geschieht beim PCO-Syndrom im Körper?
  2. Welche Beschwerden begleiten den Alltag?
  3. Warum gerät das hormonelle System aus dem Gleichgewicht?
  4. Wie arbeitet die Osteopathie beim PCO-Syndrom?

Was geschieht beim PCO-Syndrom im Körper?

Das polyzystische Ovarialsyndrom trägt einen irreführenden Namen. Die kleinen Bläschen in den Eierstöcken sind keine Zysten, sondern Follikel, Eibläschen, die auf ihre Reifung warten wie Knospen, die nie aufblühen. Der Körper hat eine eigene Sprache entwickelt, einen veränderten Rhythmus im Zusammenspiel von Hypothalamus, Hypophyse und Ovarien.

Die Diagnose folgt seit 2003 den Rotterdam-Kriterien, die 2023 von einem internationalen Expertenteam präzisiert wurden. Zwei von drei Kriterien müssen erfüllt sein. Das erste Kriterium beschreibt irreguläre Zyklen, Menstruationsblutungen, die unvorhersehbar kommen oder ganz ausbleiben. Das zweite erfasst die Hyperandrogenämie, einen Überschuss an männlichen Geschlechtshormonen wie Testosteron, der sich im Körper manifestiert durch vermehrte Körperbehaarung nach männlichem Muster, Haarausfall am Kopf oder Akne. Biochemisch lässt sich dieser Überschuss im Blut nachweisen. Das dritte Kriterium zeigt sich im Ultraschall oder über die Messung des Anti-Müller-Hormons, welches die Eizellreserve widerspiegelt. Mindestens ein Eierstock beherbergt eine erhöhte Anzahl an Follikeln.

Das hormonelle Orchester spielt eine veränderte Melodie. Der Eisprung bleibt aus, die Anovulation wird zum Regelfall. Die Eierstöcke können vergrößert sein, gefüllt mit unreifen Follikeln, die in ihrer Entwicklung innehalten. Die Kommunikation zwischen Gehirn und Eierstöcken verläuft gestört, die Signalkette funktioniert nicht mehr wie vorgesehen.

Welche Beschwerden begleiten den Alltag?

Die Menstruation verliert ihre Regelmäßigkeit. Manche Frauen warten Monate auf ihre Blutung, andere erleben sie in unvorhersehbaren Abständen. Der Körper folgt keinem erkennbaren Muster mehr. Die Unsicherheit nistet sich ein.

Der ausbleibende Eisprung kann die Fruchtbarkeit beeinträchtigen. Für Frauen mit Kinderwunsch wird dieser Umstand zu einer belastenden Realität, die den Alltag überschattet. Die Hoffnung mischt sich mit Enttäuschung, Monat für Monat. Der Traum vom eigenen Kind rückt in weite Ferne, während andere scheinbar mühelos schwanger werden.

Die Haut erzählt ihre eigene Geschichte. Akne kann auftreten, besonders im Gesicht, am Rücken, auf der Brust. Die Behaarung verändert sich. Haare wachsen an Stellen, wo Frauen sie nicht erwarten: im Gesicht, auf der Brust, am Bauch, an den Oberschenkeln. Gleichzeitig lichtet sich die Kopfbehaarung, das Haar wird dünner, der Haaransatz weicht zurück. Diese Veränderungen wirken auf das Selbstbild, auf das Gefühl von Weiblichkeit. Der Spiegel wird zum Gegner, jeder Blick darauf erinnert daran, dass der eigene Körper einen anderen Weg geht.

Etwa 50 bis 70 Prozent der Betroffenen entwickeln eine Insulinresistenz. Der Körper speichert Fett leichter, besonders im Bauchbereich. Das Gewicht lässt sich schwerer regulieren, selbst bei Ernährungsumstellung und Bewegung. Das Risiko für Diabetes mellitus Typ II steigt. Die Leber kann beginnen, Fett einzulagern, eine nicht alkoholische Fettleber entsteht. Der Blutdruck erhöht sich, die Cholesterinwerte verändern sich. Das metabolische Syndrom, eine Konstellation von Risikofaktoren, entwickelt sich schleichend.

Die psychische Belastung wiegt schwer. Die neuen Leitlinien von 2023 betonen ausdrücklich die Bedeutung der psychischen Gesundheit. Chronische Unsicherheit über den eigenen Körper, veränderte äußere Merkmale, unerfüllter Kinderwunsch und metabolische Risiken hinterlassen Spuren. Manche Frauen erleben Phasen gedrückter Stimmung oder Ängste.

Warum gerät das hormonelle System aus dem Gleichgewicht?

Das hormonelle System funktioniert wie ein fein abgestimmtes Netzwerk. Der Hypothalamus im Gehirn gibt Signale an die Hypophyse, die wiederum Botenstoffe an die Eierstöcke sendet. Diese Kommunikation verläuft beim PCO-Syndrom gestört. Der genaue Ursprung dieser Störung bleibt Gegenstand wissenschaftlicher Forschung.

Die Insulinresistenz spielt eine zentrale Rolle in diesem Geschehen. Insulin wirkt nicht nur auf den Zuckerstoffwechsel, sondern beeinflusst direkt die Hormonproduktion in den Eierstöcken. Erhöhte Insulinspiegel stimulieren die Produktion von Androgenen. Diese männlichen Hormone stören die Reifung der Follikel, der Eisprung bleibt aus. Gleichzeitig reduziert Insulin die Produktion von SHBG, dem Sexualhormon-bindenden Globulin, welches Androgene im Blut bindet. Wenn weniger SHBG vorhanden ist, zirkulieren mehr freie Androgene im Körper, die ihre Wirkung entfalten können.

Genetische Faktoren bilden das Fundament. Studien zeigen familiäre Häufung. Die Veranlagung liegt in den Genen, wird vererbt wie eine Blaupause, die bestimmte Wege vorzeichnet, ohne sie vollständig zu determinieren.

Adipositas verstärkt die Symptomatik. Fettgewebe ist hormonell aktiv, produziert Entzündungsstoffe und beeinflusst den Insulinstoffwechsel. Ein erhöhter Körperfettanteil, besonders im Bauchbereich, verschärft die Insulinresistenz und damit die hormonelle Dysbalance. Gewichtsreduktion kann bei übergewichtigen Frauen die Symptome mildern, die Zyklusregulation verbessern und die Insulinsensitivität erhöhen.

Lebensstilfaktoren beeinflussen die Insulinresistenz maßgeblich. Die Ernährung spielt dabei eine zentrale Rolle. Komplexe Kohlenhydrate aus Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten und Gemüse lassen den Blutzucker langsamer ansteigen als einfache Zucker. Ballaststoffe verlangsamen die Aufnahme von Zucker ins Blut, Proteine und gesunde Fette stabilisieren den Blutzuckerspiegel. Der Verzicht auf stark verarbeitete Lebensmittel und zuckerhaltige Getränke kann die Insulinsensitivität positiv beeinflussen. Bewegung wirkt direkt auf die Insulinresistenz, Muskeln nehmen während und nach körperlicher Aktivität Glukose auf. Regelmäßige moderate Bewegung kann die Insulinsensitivität verbessern.

Chronischer Stress wirkt auf das hormonelle Gefüge ein. Die Nebennieren produzieren unter Dauerlast vermehrt Kortisol. Diese Reaktion beeinflusst den gesamten Hormonhaushalt, verstärkt die Insulinresistenz und verschiebt das ohnehin fragile Gleichgewicht weiter. Auch Schlafmangel verschlechtert die Insulinresistenz und erhöht die Kortisolspiegel.

Wie arbeitet die Osteopathie beim PCO-Syndrom?

Die osteopathische Begleitung versteht sich als ergänzende Unterstützung neben der gynäkologischen Behandlung. Sie ersetzt keine medizinische Diagnostik oder medikamentöse Therapie, kann aber mit strukturellen und funktionellen Aspekten arbeiten.

Die Arbeit mit der Zirkulation im Becken

Das kleine Becken beherbergt ein komplexes Gefäßnetzwerk. Arterien bringen sauerstoffreiches Blut und Nährstoffe zu den Organen, Venen und Lymphgefäße führen Stoffwechselprodukte ab. Mit viszeralen Techniken arbeite ich an der Region der Blut- und Lymphgefäße, ertaste Gewebequalitäten und Spannungsmuster. Der Fokus liegt auf dem venös-lymphatischen System und der arteriellen Versorgung.

Die Beweglichkeit der Eierstöcke

Die Ovarien hängen über Bänder und Bindegewebsstrukturen im Becken, verbunden mit Gebärmutter, Kreuzbein und Beckenwänden. Meine Hände folgen der subtilen Bewegung der Eierstöcke mit jedem Atemzug, spüren Widerstände auf. Mit sanften Impulsen arbeite ich an der Mobilität dieser Strukturen. Die Funktion der Eierstöcke hängt nicht nur von Hormonen ab, sondern auch von ihrer mechanischen Bewegungsfreiheit.

Die Arbeit mit Restriktionen

Blockaden in der Lendenwirbelsäule und im Becken können die inneren Organe beeinflussen. Die Nerven, die zu den Eierstöcken führen, entspringen aus der Lendenwirbelsäule. Verspannungen hier können ihre Versorgung beeinträchtigen. Ich untersuche jeden einzelnen Wirbel, taste Muster in Muskulatur und Bindegewebe. Die osteopathische Arbeit richtet sich auf diese Restriktionen.

Das Kreuzbein bildet die Basis dieser Region. Über Bandstrukturen ist es mit den Beckenorganen vernetzt. Seine Beweglichkeit wirkt sich auf das gesamte Becken aus.

Die Arbeit mit dem vegetativen Nervensystem

Chronischer Stress treibt das hormonelle Chaos weiter voran. Das vegetative Nervensystem läuft auf Hochtouren, der Sympathikus dominiert. Über cranio-sacrale Techniken am Schädel und Kreuzbein arbeite ich daran, Raum für den Parasympathikus zu schaffen, jenen Teil des Nervensystems, der Ruhe und Regeneration ermöglicht. Mit minimalem Druck entsteht die Möglichkeit für das System, herunterzufahren.

Das Zwerchfell trennt Brust- und Bauchraum wie eine bewegliche Membran. Es ist über Bindegewebsverbindungen mit Leber, Magen und Nebennieren vernetzt. Verspannungen hier beeinträchtigen nicht nur die Atmung, sondern auch die Versorgung der Bauchorgane und die Funktion der Nebennieren. Wenn ich an diesen Spannungen arbeite, kann sich der Atem vertiefen, die Organe darunter bekommen mehr Raum.

Die Arbeit mit Leber und Nebennieren

Die Leber verstoffwechselt Hormone, baut verbrauchte Botenstoffe ab. Ich folge ihrer Mobilität unter dem Zwerchfell mit der Atmung, arbeite mit viszeralen Techniken an dieser Region.

Die Nebennieren produzieren neben Stresshormonen auch Vorstufen von Sexualhormonen. Ihre Lage auf den Nieren, ihre Vernetzung mit Zwerchfell und Lendenwirbelsäule macht sie anfällig für Blockaden in diesen Bereichen. Die osteopathische Arbeit berücksichtigt diese anatomischen Zusammenhänge.


Osteopathie und PCO-Syndrom: Wenn Gewebe seine Botschaft trägt

Als Michele Garcia-Greno begegne ich in meiner Praxis Frauen, die mit einem Körper leben, der seine eigenen Gesetze schreibt.

Eine Frau Anfang dreißig erzählt von der Belastung, die das äußere Erscheinungsbild mit sich bringt. Die Akne, die vermehrte Körperbehaarung, das dünner werdende Haar am Kopf. Sie vermeidet den Spiegel, trägt ihre Haare so, dass sie die kahlen Stellen verdecken. Im Sommer bleiben die langärmeligen Blusen an, selbst bei Hitze. Sie spricht leise, als würde sie sich entschuldigen für das, was ihr Körper tut. Die Untersuchung zeigt ein System unter Dauerstress. Die Region der Nebennieren reagiert empfindlich, die cranio-sacrale Spannung ist erhöht. Ich arbeite mit dem vegetativen Nervensystem, mit den Verbindungen zwischen Schädel und Kreuzbein, mit dem Zwerchfell. Sie kommt regelmäßig. Nach einiger Zeit erwähnt sie Momente der inneren Ruhe, die sich einstellen. Kurze Phasen, in denen die Anspannung nachlässt, in denen sie durchatmen kann. Sie erzählt, dass sie sich langsam wieder im Spiegel anschauen kann.

Eine Frau Ende dreißig sitzt mir gegenüber, ihre Hände ruhen auf ihrem Bauch. Sie beschreibt das Gewicht, das sich über die Jahre angesammelt hat, trotz ihrer Bemühungen. Jahre voller Diäten, Stunden im Fitnessstudio, die Verzweiflung auf der Waage. „Ich mache alles richtig“, sagt sie, „aber mein Körper funktioniert einfach nicht.“ In ihren Worten liegt eine tiefe Erschöpfung, nicht nur körperlich. Sie erzählt vom unerfüllten Kinderwunsch, von den negativen Schwangerschaftstests, Monat für Monat. Von der Angst, dass diese Tür sich vielleicht nie öffnen wird. Bei der Behandlung finde ich eingeschränkte Lebermobilität, Verdichtungen im gesamten Bauchraum. Die Arbeit erstreckt sich über längere Zeit. Sie beginnt parallel ein strukturiertes Bewegungsprogramm, passt ihre Ernährung an. Die Osteopathie begleitet diesen Prozess, arbeitet an den strukturellen Aspekten. Sie erzählt von einer veränderten Wahrnehmung ihres Körpers, von einem wachsenden Verständnis für die Zusammenhänge. Sie spricht von kleinen Verschiebungen, die sich nicht auf der Waage zeigen, aber in ihrem Inneren spürbar werden.

Diese Begegnungen aus meiner Praxis zeigen unterschiedliche Wege mit dem PCO-Syndrom. Jeder Körper trägt seine eigene Geschichte, reagiert auf seine individuelle Weise. Meine Hände folgen den Gewebestrukturen, arbeiten mit Bewegung und Struktur. Die osteopathische Arbeit respektiert, dass Veränderungen Zeit brauchen und nicht vorhersehbar sind.


Das PCO-Syndrom ist eine komplexe hormonelle Störung, die bleibt. Die Osteopathie versteht sich als begleitende Unterstützung, die mit strukturellen und funktionellen Aspekten arbeitet. Sie setzt dort an, wo mechanische Aspekte und hormonelle Prozesse zusammentreffen. Die Arbeit mit Zirkulation, Mobilität und dem vegetativen Nervensystem bietet einen Ansatz, der den Körper als vernetztes System betrachtet. Kombiniert mit gynäkologischer Betreuung, Lebensstilanpassungen und bei Bedarf medikamentöser Therapie kann die Osteopathie einen Beitrag leisten im Umgang mit dieser herausfordernenden Erkrankung.


Quellen:

Camirand, N. (2019). Osteopathische Behandlung hormoneller und nervlich bedingter Störungen. Urban & Fischer.

Miorin-Bellermann, J. (2022). Hormonelle Dysbalancen: Erkennen – Verstehen – Behandeln. Karl Haug Verlag.

Riedl, K. H., & Schleupen, A. (Hrsg.). (2010). Osteopathie in der Frauenheilkunde. Urban & Fischer.

Bazin, O., & Naudin, M. (2022). Osteopathische Behandlung des weiblichen Beckenbereichs. Urban & Fischer.

Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie, Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, & weitere beteiligte Fachgesellschaften. (2025). S2k-Leitlinie: Diagnostik und Therapie des polyzystischen Ovarsyndroms (PCOS) (AWMF-Register Nr. 089-004). Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften.

Teede, H. J., Tay, C. T., Laven, J., Dokras, A., Moran, L. J., Piltonen, T. T., Costello, M. F., Boivin, J., Redman, L. M., Boyle, J. A., Norman, R. J., Mousa, A., & Joham, A. E. (2023). Recommendations from the 2023 international evidence-based guideline for the assessment and management of polycystic ovary syndrome. Fertility and Sterility, 120(4), 767–793. https://doi.org/10.1016/j.fertnstert.2023.07.025

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