Osteopathie in den Wechseljahren: Wenn der Körper eine neue Ordnung findet

Inhaltsverzeichnis

  1. Was geschieht im Körper während der Wechseljahre?
  2. Wie beeinflussen hormonelle Veränderungen die Körperstrukturen?
  3. Warum reagieren Frauen so unterschiedlich auf diese Phase?
  4. Welchen Beitrag kann die Osteopathie leisten?

Was geschieht im Körper während der Wechseljahre?

Die Wechseljahre markieren keinen abrupten Einschnitt, sondern einen fließenden Übergang über mehrere Jahre. Das Klimakterium bezeichnet diesen gesamten Zeitraum, in dem sich die reproduktive Funktion zurückbildet. Die Menopause selbst ist lediglich ein Zeitpunkt: der Moment der letzten Regelblutung.

Die Prämenopause beginnt häufig um das 40. Lebensjahr. In dieser Phase sinkt zunächst das Progesteron, während der Östrogenspiegel noch stabil bleibt. Dieses hormonelle Ungleichgewicht äußert sich durch Zyklusänderungen, die Periode wird häufig länger und stärker. Zwischenblutungen können auftreten und sollten ärztlich abgeklärt werden. Viele Frauen bemerken Brustspannen, Kopfschmerzen oder Migräne. Der Schlaf verändert sich, die Gemütslage schwankt stärker als gewohnt. Manche erleben eine erhöhte Sensibilität auf äußere Reize.

Die Perimenopause umfasst die Jahre unmittelbar vor und nach der letzten Regelblutung, meist zwischen dem 48. und 53. Lebensjahr. Der Eisprung wird seltener, nun beginnt auch der Östrogenspiegel zu sinken. Diese doppelte hormonelle Veränderung prägt die typischen Beschwerden dieser Phase. Hitzewallungen treten auf, besonders nachts. Der Körper verändert seine Stoffwechsellage, Gewicht lässt sich schwerer regulieren. Schlafstörungen führen zu Müdigkeit und Erschöpfung, die den Alltag belasten. Haut und Schleimhäute verändern ihre Beschaffenheit, werden trockener. Das Bindegewebe verliert an Festigkeit, der Beckenboden gibt nach, was sich im Alltag bemerkbar machen kann. Manche Frauen erleben Phasen gedrückter Stimmung, Denk- und Konzentrationsstörungen. Gelenk- und Muskelschmerzen können hinzukommen.

Die Menopause ist der definierte Moment der letzten Periode. Der Follikelvorrat ist erschöpft, Eisprünge finden nicht mehr statt. Im Durchschnitt erreichen Frauen diesen Punkt mit 52 Jahren.

Die Postmenopause setzt ein, wenn seit zwölf Monaten keine Menstruation mehr stattgefunden hat und erstreckt sich vom 52. bis etwa zum 65. Lebensjahr. Die Brustgewebe verlieren an Kraft, der Beckenboden senkt sich weiter ab. Die Stimmungslage kann weiterhin schwanken. Die Muskulatur nimmt ab, Rückenschmerzen werden häufiger. Die Schleimhäute bleiben trocken. Das Risiko für Osteoporose steigt. Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes treten vermehrt auf, da die gefäßerweiternde Wirkung des Östrogens entfällt.

Wie beeinflussen hormonelle Veränderungen die Körperstrukturen?

Östrogen spielt eine Schlüsselrolle für die Elastizität des Bindegewebes. Es sorgt für die Spannkraft von Haut, Faszien und Bändern. Wenn der Östrogenspiegel sinkt, verliert das Bindegewebe an Festigkeit. Die Folgen zeigen sich im gesamten Körper.

Im Becken werden die Veränderungen besonders deutlich. Die Gebärmutter und die Eierstöcke sind über ein komplexes Netz aus Bändern und Faszien aufgehängt. Diese Strukturen verlieren mit sinkendem Östrogenspiegel an Elastizität. Die Aufhängung wird weniger stabil, die Organe können sich absenken. Der Beckenboden, ein muskulär-faszialer Komplex, trägt das Gewicht der Bauchorgane. Wenn seine Gewebestruktur nachgibt, können Beschwerden entstehen.

Die Wirbelsäule reagiert auf die hormonellen Umstellungen. Östrogen schützt die Knochendichte, sein Rückgang beschleunigt den Knochenabbau, besonders in der Wirbelsäule und den Hüften. Die Bandscheiben verlieren Flüssigkeit, werden flacher. Diese strukturellen Veränderungen erklären, warum Rückenschmerzen in dieser Lebensphase zunehmen.

Die Nebennieren übernehmen nach der Menopause eine neue Rolle. Während die Eierstöcke ihre Hormonproduktion einstellen, produzieren die Nebennieren weiterhin kleinere Mengen an Östrogenen und Androgenen. Diese Produktion erfolgt durch die Umwandlung von Vorstufen im Fettgewebe. Die Nebennieren sitzen auf den Nieren und sind über Faszien mit dem Zwerchfell und der Lendenwirbelsäule verbunden. Ihre Durchblutung und Funktion kann durch mechanische Einschränkungen in diesen Bereichen beeinflusst werden.

Das vegetative Nervensystem reagiert sensibel auf die hormonellen Schwankungen. Östrogen fördert die Balance zwischen Sympathikus und Parasympathikus. Wenn dieser Einfluss wegfällt, gerät das System leichter aus dem Gleichgewicht, was Hitzewallungen, Herzrasen oder nächtliches Schwitzen erklärt.

Warum reagieren Frauen so unterschiedlich auf diese Phase?

Die genetische Veranlagung beeinflusst, wie schnell die Follikelreserve abnimmt und wie sensibel das Gewebe auf hormonelle Veränderungen reagiert. Frauen, deren Mütter früh in die Menopause kamen, erleben dies häufig ebenfalls.

Der Lebensstil spielt eine maßgebliche Rolle. Regelmäßige Bewegung hält das Bindegewebe elastisch und stärkt den Beckenboden. Sie wirkt positiv auf die Knochendichte und reguliert das vegetative Nervensystem. Ernährung prägt den Stoffwechsel. Ein Mangel an essentiellen Nährstoffen wie Magnesium, Vitamin D oder Omega-3-Fettsäuren kann Beschwerden verstärken.

Chronischer Stress stellt einen erheblichen Einflussfaktor dar. Die Nebennieren produzieren unter Dauerbelastung vermehrt Kortisol. Diese Stressreaktion bindet Ressourcen, die für die Produktion von Östrogenvorstufen benötigt würden. Ein überlastetes Nebennierensystem kann die hormonelle Umstellung erschweren.

Frühere körperliche Ereignisse hinterlassen Spuren im Gewebe. Operationen im Bauch- oder Beckenraum erzeugen Narbengewebe, das die Beweglichkeit der Organe einschränken kann. Eine Gebärmutterentfernung verändert die Statik des Beckens. Geburten dehnen den Beckenboden, manchmal entstehen Verletzungen, die nicht vollständig ausheilen. Diese strukturellen Vorbelastungen können in den Wechseljahren symptomatisch werden, wenn das stabilisierende Östrogen fehlt.

Welchen Beitrag kann die Osteopathie leisten?

Die osteopathische Arbeit versteht sich als begleitende Unterstützung, individuell angepasst. Sie ersetzt keine medizinische Diagnostik oder Hormontherapie, kann aber mit strukturellen und funktionellen Aspekten arbeiten.

Die Arbeit mit den Nebennieren bildet einen zentralen Ansatz. Diese Drüsen übernehmen nach der Menopause einen Teil der Hormonproduktion und reagieren sensibel auf Durchblutungsstörungen. Ich ertaste die Region der Nebennieren, ihre Beweglichkeit mit der Atmung und die Spannungen der umgebenden Faszien. Die Behandlung zielt darauf ab, die Mobilität zu fördern und die fasziale Verbindung zum Zwerchfell und zur Lendenwirbelsäule zu verbessern.

Die viszerale Arbeit richtet sich auf die Gebärmutter und die Region der Eierstöcke. Diese Organe sind über Bänder und Faszien im Becken aufgehängt. Mit sanften Techniken ertaste ich die Gewebsqualität, löse fasziale Verdichtungen und fördere die Durchblutung. Die Behandlung berücksichtigt auch das Kreuzbein, mit dem die Gebärmutter über Bänder verbunden ist.

Die Regulation des vegetativen Nervensystems spielt eine wichtige Rolle bei Hitzewallungen, Schlafstörungen und innerer Unruhe. Cranio-sacrale Techniken können den Parasympathikus aktivieren und Regeneration fördern. Ich arbeite mit feinen Griffen am Schädel, besonders am Keilbein und Hinterhauptbein, sowie am Kreuzbein. Die Halswirbelsäule und das Zwerchfell bieten weitere Ansatzpunkte für die vegetative Regulation.

Bei Beschwerden im Beckenbereich konzentriert sich die Arbeit auf den Beckenboden und die Blase. Ich untersuche die Spannung der Beckenbodenmuskulatur, die faszialen Aufhängungen der Blase und die Gewebsschichten, welche die Öffnungen im Becken stabilisieren. Die Behandlung löst fasziale Einschränkungen und verbessert die Durchblutung. Ein gezieltes Beckenbodentraining ist dabei unverzichtbarer Bestandteil und sollte parallel zur osteopathischen Behandlung durchgeführt werden.

Die strukturelle Arbeit adressiert die Wirbelsäule, besonders die Lendenwirbelsäule und den Übergang zum Becken. Die Leber verdient besondere Aufmerksamkeit, da sie Hormonstoffwechselprodukte umwandelt und verbrauchte Hormone abbaut. Ihre Beweglichkeit unter dem Zwerchfell fördert diese Funktion. Mit viszeralen Techniken unterstütze ich die Lebermobilität.

Die Behandlungsfrequenz richtet sich nach dem individuellen Befund. Ergänzend spielen Lebensstilfaktoren eine wichtige Rolle. Regelmäßige Bewegung, ausgewogene Ernährung, Stressmanagement und ausreichender Schlaf bilden die Basis.


Osteopathie in den Wechseljahren: Wenn der Körper seinen Weg sucht

Als Michele Garcia-Greno erlebe ich in meiner Praxis, wie unterschiedlich Frauen die Wechseljahre durchleben. Eine Frau Anfang fünfzig kommt mit nächtlichen Hitzewallungen, die ihren Schlaf seit Monaten unterbrechen. Sie wirkt erschöpft, erzählt von innerer Unruhe. Bei der Untersuchung zeigt sich eine deutliche Spannung im Bereich der Lendenwirbelsäule. Die Region der Nebennieren fühlt sich verdichtet an, das Zwerchfell angespannt. Ich arbeite über mehrere Sitzungen mit diesen Bereichen, löse fasziale Einschränkungen, behandle cranio-sacral. Sie kommt weiter, über Monate hinweg. Die Wechseljahre bleiben präsent, doch sie erwähnt irgendwann, dass die Nächte anders geworden sind.

Eine andere Patientin berichtet von einem Druckgefühl im Unterbauch und gelegentlichem unwillkürlichem Harnverlust. Die Untersuchung führt mich zu Spannungen im Beckenboden und eingeschränkter Beweglichkeit der Gebärmutter. Das Gewebe wirkt fest, wenig elastisch. Ich arbeite viszeral mit den Beckenorganen, behandle die faszialen Aufhängungen. Parallel beginnt sie mit einem Beckenbodentraining. Sie bleibt konsequent dran. Nach mehreren Monaten erzählt sie von ihrer neuen Wahrnehmung. Sie spürt jetzt, wo ihr Beckenboden liegt, kann ihn gezielt anspannen und entspannen, hat gelernt, ihn in ihren Atem zu integrieren. Sie beobachtet ihren Körper aufmerksam, erkennt Spannungsmuster, bevor sie sich verfestigen. Das Beckenbodentraining macht sie täglich, mit Präzision und Bewusstsein. Sie hat eine Körperwahrnehmung entwickelt, die vorher nicht da war. Sie kommt weiterhin regelmäßig.

Diese Momente aus meinem Praxisalltag zeigen unterschiedliche Wege durch die Wechseljahre. Jeder Körper hat sein eigenes Tempo, seine eigene Art zu reagieren. Meine Hände ertasten Spannungsmuster, folgen faszialen Verbindungen, spüren die Qualität von Gewebe und Bewegung. Die Arbeit respektiert, dass Veränderungen Zeit brauchen und nicht vorhersehbar verlaufen.

Die Wechseljahre sind eine Phase des Übergangs, in der der Körper eine neue Balance sucht. Die Osteopathie ist weit mehr als die Behandlung mechanischer Einschränkungen. Sie begleitet Frauen durch diesen Prozess, schafft Raum für die Selbstregulationskräfte des Körpers und respektiert die individuelle Entwicklung jeder Frau in dieser bedeutsamen Lebensphase.


Quellen:

  • Camirand, N. (2019). Osteopathische Behandlung hormoneller und nervlich bedingter Störungen. Urban & Fischer.
  • Miorin-Bellermann, J. (2022). Hormonelle Dysbalancen: Erkennen – Verstehen – Behandeln. Karl Haug Verlag.
  • Kleine, B., & Rossmanith, W. (2013). Lehrbuch der Endokrinologie (3. Auflage). Springer Spektrum.
  • Riedl, K. H. & Schleupen, A. (Hrsg.). (2010). Osteopathie in der Frauenheilkunde. Urban & Fischer.
  • Bazin, O., & Naudin, M. (2022). Osteopathische Behandlung des weiblichen Beckenbereichs. Urban & Fischer.

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