Viszerale Osteopathie: Die verborgene Choreographie unserer Organe

Inhaltsverzeichnis

  1. Was ist viszerale Osteopathie?
  2. Welche Rolle spielen die Faszien?
  3. Für wen eignet sich viszerale Osteopathie?
  4. Wie funktioniert die viszerale Behandlung?

Was ist viszerale Osteopathie?

Die viszerale Osteopathie behandelt die inneren Organe und ihre umgebenden Strukturen. Im Mittelpunkt steht die Erkenntnis, dass jedes Organ seine eigenen charakteristischen Bewegungen und einen eigenen Rhythmus besitzt. Unsere inneren Organe sind keineswegs statisch, sondern befinden sich in permanenter Bewegung. Das Herz schlägt rhythmisch, die Lunge dehnt sich mit jedem Atemzug aus und zieht sich wieder zusammen. Doch auch die anderen Organe folgen subtilen Bewegungsmustern: Die Leber bewegt sich mit der Atmung, der Darm hat seine peristaltischen Wellen, die Nieren vollziehen mit jedem Atemzug kleine Auf- und Abwärtsbewegungen.

Diese Eigenbewegungen sind essentiell für die Organfunktion. Wenn ein Organ in seiner natürlichen Mobilität eingeschränkt ist, kann dies seine Funktion beeinträchtigen und möglicherweise auch benachbarte Strukturen beeinflussen. Die viszerale Osteopathie untersucht durch sanftes Palpieren (Ertasten), ob Organe in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind, und arbeitet mit diesen Einschränkungen.

Welche Rolle spielen die Faszien?

Die Faszien sind das verbindende Element zwischen den Organen. Sie bilden ein dreidimensionales Netzwerk aus Bindegewebe, das jedes Organ mit seinen Nachbarn verknüpft. Über diese faszialen Verbindungen können sich Spannungen von einem Organ auf andere übertragen. Eine Einschränkung der Leber kann beispielsweise über die Faszien Auswirkungen auf den Magen oder das Zwerchfell haben. Dieses fasziale Netzwerk ermöglicht einerseits das harmonische Zusammenspiel der Organe, kann aber andererseits auch Spannungsmuster weitergeben. In der viszeralen Osteopathie arbeiten wir mit diesem faszialen System, um Spannungen zu lösen und die Organmobilität zu fördern.

Für wen eignet sich viszerale Osteopathie?

Viszerale Osteopathie kann bei verschiedenen Beschwerdebildern sinnvoll sein. Viele Patienten berichten von diffusen Bauchbeschwerden, wiederkehrenden Verdauungsproblemen oder chronischen Rückenschmerzen, bei denen bisherige Behandlungen nicht den gewünschten Erfolg gebracht haben. Auch nach Operationen im Bauchraum, bei Narbengewebe oder nach Entzündungen kann die viszerale Arbeit unterstützend wirken. Manchmal kommen Menschen auch mit unspezifischen Symptomen, bei denen sich erst in der Untersuchung zeigt, dass eine viszerale Komponente beteiligt ist.

Wie funktioniert die viszerale Behandlung?

Die Behandlung beginnt mit dem sorgfältigen Palpieren der Organe. Mit geschulten Händen ertaste ich die Bewegungen und den Rhythmus jedes einzelnen Organs. Dies geschieht ähnlich wie beim Erspüren des craniosacralen Rhythmus, jedoch mit Fokus auf die viszerale Mobilität. Ich spüre, wo Bewegung fließt und wo sie eingeschränkt ist.

Die Behandlung selbst erfolgt durch sanfte, präzise Techniken, die darauf abzielen, die Eigenbewegung der Organe zu fördern. Während die parietale Osteopathie primär mit Knochen, Gelenken und Muskeln arbeitet, richtet sich der viszerale Ansatz auf die inneren Organe und ihre faszialen Verbindungen. Oft ergänzen sich beide Ansätze: Manchmal liegt der Schlüssel zu einer muskuloskelettalen Beschwerde in einer viszeralen Einschränkung, manchmal ist es umgekehrt.

Die viszerale Arbeit geschieht stets mit größtem Respekt vor der Autonomie des Körpers und seiner Fähigkeit zur Selbstregulation.


Viszerale Osteopathie: Wo innere Bewegung auf Feingefühl trifft

Als Michele Garcia-Greno erlebe ich täglich, wie faszinierend die Bewegungen unserer inneren Organe sind. Wenn ich meine Hände auf den Bauchraum lege, spüre ich subtile Bewegungen: ein Auf und Ab, ein Gleiten und Schwingen. Die viszerale Osteopathie macht diese verborgenen Rhythmen nicht nur spürbar, sondern zeigt auch, wie eng alles miteinander verbunden ist.

Überraschende Verbindungen: Organe und Bewegungsapparat

Ein faszinierender Aspekt meiner Arbeit liegt darin, dass Beschwerden im Bewegungsapparat ihren Ursprung in den Organen haben können. Wenn ich an den entsprechenden Organen arbeite, lässt sich unmittelbar danach oft eine Veränderung im Bewegungssystem beobachten.

Ein Beispiel aus der Praxis zeigt dies deutlich. Ein Patient kommt mit Rückenschmerzen und eingeschränkter Beweglichkeit der Wirbelsäule. Bei der Untersuchung ertaste ich eine Einschränkung an der Niere oder Leber und behandle diese viszerale Spannung. Nach der Behandlung kann der Patient eine veränderte Beweglichkeit wahrnehmen. Im Re-Test lässt sich diese Veränderung oft objektiv nachvollziehen. Bewegungen, die vorher blockiert waren, können eine andere Qualität zeigen.

Diese Beobachtungen verdeutlichen, wie eng Organe und Bewegungsapparat über das fasziale Netzwerk miteinander verbunden sind. Eine fixierte Niere kann über ihre faszialen Verbindungen die Spannung des Iliopsoas-Muskels beeinflussen und damit auch die Beweglichkeit der Lendenwirbelsäule. Die viszerale Behandlung adressiert nicht die Muskulatur direkt, sondern die zugrundeliegende viszerale Einschränkung.

Die Kunst des Ertastens

Das Palpieren der Organe erfordert geschulte Hände und Geduld. Meine Finger tasten durch Haut, Muskulatur und Faszien, um die Qualität der Organbewegung zu erfassen. Jedes Organ gibt Auskunft: Ist die Bewegung frei und rhythmisch? Oder zeigen sich Einschränkungen und Widerstände? Diese Information kann kein bildgebendes Verfahren liefern. Sie ist das Ergebnis jahrelanger Übung und aufmerksamer Wahrnehmung.

Wenn die Leber frei atmen kann, das Herz ungehindert schlägt und der Darm seine Peristaltik entfaltet, arbeitet der Organismus als Einheit. Die viszerale Osteopathie zielt darauf ab, diese natürlichen Rhythmen zu unterstützen und die Selbstregulationskräfte des Körpers anzuregen.

Quellen:

Langer, W., & Hebgen, E. (2013). Lehrbuch Osteopathie. Haug.

Schünke, M., Schulte, E., Schumacher, U., Voll, M., & Wesker, K. (2012). Prometheus LernAtlas der Anatomie: Innere Organe (3. Auflage). Thieme.

Hebgen, E. (2014). Viszeralosteopathie: Grundlagen und Techniken (5. Auflage). Haug.

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